Warum Unternehmen scheitern

Warum Unternehmen scheitern

Am letzten Wochenende war ich in der Südsteiermark. Genauer gesagt, in Ehrenhausen. Beim Spazieren durch den Ort bin ich an einem Kino vorbeigekommen. Ich konnte nicht anders, aber ich musste ein Foto davon machen. Dieses Foto will ich dir nicht vorenthalten.

Wie du siehst, hat das Kino geschlossen. Und ich denke, du erkennst auch, dass das schon ein bißchen länger her ist. Dann hat mich interessiert, wie lange dieses Kino schon geschlossen hat. Da habe ich gegoogelt. Und jetzt kommts.

Das Kino wurde im Jahr 1968 errichtet. Es war bis 1996 in Betrieb. Dann wurde es geschlossen. Neunzehnhundertsechsundneunzig. Das war vor siebenundzwanzig Jahren. Da bin ich gerade mit meinem Studium fertig geworden.

Und es steht heute noch da. Ein Denkmal für gescheitertes Unternehmertum.

Wie kann das sein? Ein Kino ist doch der Inbergiff für Unterhaltung und Lebenslust. Ein Ort der Magie, wo auf der großen Leinwand Emotionen erzeugt werden. Mit welchen Problemen waren die Betreiber konfrontiert, die sie nicht lösen konnten?

Ich weiß es nicht und auch meine Recherchen waren hier leider nicht ergiebig. Wir können hier nur darüber spekulieren, was die Betreiber falsch gemacht haben. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Hier interessiert mich die Frage

Warum Unternehmen scheitern

Im Jahr 2020 wurden laut Statistik Austria fast dreißigtausend Unternehmen in Österreich geschlossen. Das sind fünf Prozent aller österreichischen Unternehmen. Das bedeutet, dass es ohne Neugründungen in zwanzig Jahren keine Unternehmen mehr geben würde.

Andererseits wurden 2020 auch ungefähr dreißigtausend Unternehmen neu gegründet. Somit bleibt die Zahl der aktiven Unternehmen gleich. Aber um welchen Preis!

Neugründungen sind mit einem großen Aufwand für die Gründer verbunden. Und damit meine ich gar nicht die Gründung des Unternehmens an sich, also die Gewerbeanmeldung oder die Gründung einer Gesellschaft (zum Beispiel einer GmbH).

Wenn ich mich an die Gründung meines Unternehmens zurückerinnere, dann war da zuerst eine Geschäftsidee. Gut, die war nicht besonders originell. Ich wollte mich einfach als Rechtsanwalt selbständig machen. Aber dann habe ich einen Businessplan geschrieben. Ich habe überlegt, ob ich mir die Selbständigkeit leisten kann. Eigentlich habe ich nur ausgerechnet, wie lange ich mir die Selbständigkeit leisten kann. Ich habe mir damals nur gedacht: das Geld reicht für sechs Monate. Wenn ich bis dahin keinen Umsatz mache, sperre ich halt zu und suche mir wieder einen Job.

Zum Glück habe ich Umsatz gemacht und bin zwanzig Jahre später immer noch selbständig.

Vielen gelingt das nicht. Von den im Jahr 2015 in Österreich neu gegründeten Unternehmen waren im Jahr 2020, also nach fünf Jahren 49 Prozent bereits wieder geschlossen. Und die restlichen 51 Prozent werden die nächsten fünf Jahre auch nicht vollständig überleben.

Was hilft es dann, wenn du ein Unternehmen neu gründest, wenn du mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent in fünf Jahren wieder unselbständig arbeitest?

Warum scheitern so viele Unternehmen? Und was machen die erfolgreichen Unternehmen anders? Warum scheitern so viele Unternehmen so früh? Ich glaube, die Antwort liegt schon in der Unternehmensgründung.

Warum werden Unternehmen überhaupt gegründet?

Dazu muss man sich einmal anschauen, wer überhaupt die Unternehmensgründer sind. Und dann fällt dir gleich einmal auf, dass es keine Unternehmerausbildung gibt. Wir können nirgends lernen, was ein Unternehmer tut und wie er es tun soll.

Wir werden doch alle nur zu Fachkräften ausgebildet. Zu nicht unternehmerischen Arbeitnehmern.
Ganz im Gegenteil. Schon im zarten Kindesalter erzählt man uns, dass Unternehmer unsympathische Typen sind, die den Hals nicht voll bekommen können. Die ihre Arbeitnehmer ausbeuten und sich selbst fette Gewinne in die Taschen stecken.

Wir hören Geschichten wie: „Kommt der Chef mit dem neuen Porsche zur Arbeit. Sagt der Mitarbeiter: Wow, schönes Auto. Darauf der Chef: Ja, und wenn Sie hart arbeiten, Ihre Ziele verfolgen und Überstunden machen, kann ich mir nächstes Jahr einen neuen kaufen“.

Und dann lachen wir darüber. Ist es nicht so? Stimmt dieses Bild vom Unternehmer nicht etwa?

Das Bild vom Unternehmer

Schon früh wird in uns der Glaubenssatz geprägt, Unternehmer zu sein hat nichts moralisch Wertvolles an sich. Dagegen sind die Fachkräfte die Stütze der Wirtschaft. Ohne die braven Fachkräfte geht gar nichts. Und zu braven Fachkräften werden wir dann auch ausgebildet.

Schon in der Schule. Noch mehr natürlich in der Lehre. Aber auch die Hochschulen und Universitäten bilden nur Fachkräfte und keine Unternehmer aus. Und das gilt auch in den wirtschaftlichen Studiengängen. Dort werden die zukünftigen Manager ausgebildet. Das sind aber auch keine Unternehmer.

Ich bin selbst auf die Uni gegangen. Habe Jus studiert. Ja, ich hatte auch wirtschaftliche Fächer. Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre. Wir mussten allen Ernstes lernen, wie ein Buchungssatz aufgebaut ist und wie man den Kauf einer Maschine in der doppelten Buchhaltung verbucht. Als ob ich Buchhalter werden wollte. Nichts gegen Buchhalter. Aber wie man eine Bilanz liest und welche Maßnahmen man daraus ableitet, haben wir nicht gelernt.

Im Jusstudium habe ich gelernt, Gesetze auszulegen und anzuwenden. Das Jusstudium bildet Gesetzesanwender aus. Richter, Verwaltungsbeamte, Rechtsanwälte, Unternehmensjuristen. Wer braucht dabei unternehmerisches Denken?
Meine These ist, dass wir alle, nicht nur Juristen, wir alle, die wir ein Unternehmen gegründet haben, keine Ausbildung zum Unternehmer hatten.

Was wir gelernt haben, haben wir gebraucht, als wir die Fachkraftarbeit im Unternehmen eines anderen gemacht haben. Und das war damals auch gut so. Wir haben viele Jahre für einen anderen Unternehmer gearbeitet. Eben Fachkraftarbeit. So lange, dass wir gute, richtig gute Fachkräfte wurden. Vielleicht die beste Fachkraft im ganzen Unternehmen. Mit Sicherheit besser als unser Chef. Und dann, irgendwann, passiert er uns.

Der unternehmerische Anfall

Der unternehmerische Anfall schaut so aus: Wir wissen, dass wir richtig gut sind, in dem was wir tun. Viel besser als unsere Kollegen. Erst recht viel besser als unser Chef. Wir wissen, dass der ganze Laden ohne uns sowieso den Bach runter geht. Wenn wir nicht wären…

Und eines Tages denken wir dann: Es kann ja gar nicht so schwer sein, so ein Unternehmen zu führen. Das kann ja eigentlich jeder Depp. Wir haben sogar einen Beweis dafür: Wir arbeiten für einen!

Und weil es nicht so schwer sein kann, und weil wir eh alles besser wissen und besser können als der Chef, fragen wir uns: Wieso soll mein Chef die Früchte meiner Arbeit ernten? Wieso soll ich nicht selbst ein Unternehmen gründen?

Da ist er. Der unternehmerische Anfall.

Und dann gründen wir ein Unternehmen. Und dabei ist uns eines besonders wichtig: Wir wollen keinen Chef mehr haben. Endlich frei sein. Die Arbeit, die wir so gut können und so gerne machen, frei einteilen. Keiner, der uns sagt, wie es geht. Und dabei eh keine Ahnung hat, wie es richtig geht.

Unternehmen werden von Fachkräften gegründet

Meine These ist also, dass Unternehmen von Fachkräften gegründet werden, die einen unternehmerischen Anfall haben und vor allem eines wollen: keinen Chef.

Tatsächlich gaben bei einer Motivumfrage 65 Prozent der befragten Unternehmer an, dass sie ihr Unternehmen deswegen gegründet haben, weil sie ihr eigener Chef sein wollten. 63 Prozent wollten in ihrer Zeit- und Lebensgestaltung flexibler sein als zuvor im Angestelltenverhältnis. 60 Prozent wollten die Verantwortung, die sie als Angestellte getragen haben, in das eigene Unternehmen einbringen.

Dagegen gaben nur 4 Prozent an, das Familienunternehmen übernommen zu haben. Mit anderen Worten: Menschen, die das Unternehmertum schon mit der Muttermilch aufgenommen haben, stellen die absolute Minderheit der Unternehmer dar.

Die meisten Unternehmer sind gut ausgebildete Fachkräfte, die den Ruf der Freiheit hören. Endlich frei sein vom Chef, der ihre Arbeit eh nicht zu schätzen weiß und der keine Ahnung hat, wie gut sie in Wirklichkeit sind. Frei sein, die eigene Zeit nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Tun zu können, was ich will. Wann ich es will.

Und dann gründen sie ein Unternehmen, das sie sich so gestalten, dass sie ihre Arbeit – Fachkraftarbeit – in Freiheit und ohne Chef machen können. Aber so etwas nennt man eben kein Unternehmen. So etwas nennt man einen Arbeitsplatz.

Die meisten Unternehmen sind nur Arbeitsplätze

Die meisten „Unternehmen“, die nach einem unternehmerischen Anfall gegründet wurden, sind daher keine wirklichen Unternehmen. Sie sind Arbeitsplätze für die „Unternehmer“. Arbeitsplätze mit zusätzlichen Mitarbeitern, die dem „Unternehmer“ die lästigen, nicht geliebten Arbeiten abnehmen (z.B. die Buchhaltung). Arbeitsplätze, die dem „Unternehmer“ vor allem eines sichern sollen: seine Freiheit.

Irgendwann ist es dann aber auch vorbei mit der Freiheit. Spätestens dann, wenn der Fachkraft-Unternehmer draufkommt, dass er doch einen Chef hat: den Kunden. Und der ist viel gnadenloser als der ursprünglich ungeliebte Chef. Der fordert nämlich Leistung unerbittlich ein. Oft mehr, als man ihm versprochen hat und definitiv mehr, als er zu zahlen bereit ist.

Und das ist auch so ein Thema. Da gibt es doch Kunden, die einfach nicht zahlen. Denen muss man nachlaufen, mahnen, vielleicht sogar klagen. Und dann beschweren sie sich, dass die Leistung nicht ordentlich war und uns gar kein Geld zusteht. Wie schön war da das alte Leben für den alten Chef. Der hat zwar auch immer gemeckert, aber das Geld war wenigstens pünktlich am Konto.

Und plötzlich mag es der Fachkraft-Unternehmer nicht mehr so gerne, in die Arbeit zu gehen. Er wird nachlässig gegenüber den Kunden. Vielleicht auch gegenüber den Mitarbeitern. Aus Nachlässigkeit wird Gleichgültigkeit. Immer mehr Kunden beschweren sich. Irgendwann beschweren sie sich nicht mehr. Sie kaufen einfach woanders. Das Geld geht aus. Und dann geht das Licht aus. Die Statistik vermeldet: Wieder ein Unternehmen geschlossen.

Veränderungen und Anpassungen

Zurück zu unserem Kino in Ehrenhausen. Was der Grund für sein Scheitern war, weiß ich nicht. Es wird wohl auch nicht nur ein Grund gewesen sein.

In meiner Jugend bin ich einmal in der Woche ins Kino gegangen. Da gab es den Kinomontag. An diesem Tag waren die Kinokarten viel billiger als an anderen Tagen. Und die Kinos waren voll. Und oft bin ich mit Freunden auch am Wochenende noch einmal ins Kino gegangen. Ich weiß noch, dass wir oft Kinokarten vorbestellen mussten, weil die Kinos ausverkauft waren.

Heute kannst du zwei Minuten vor dem Filmstart ins Kino kommen und dir den Sitzplatz aussuchen.

Und wenn ich meine Kinder anschaue, die jetzt in dem Alter sind, in dem ich war als ich einmal in der Woche ins Kino gegangen bin, dann fällt mir auf, dass sie vielleicht einmal im Monat ins Kino gehen. Dafür schauen sie sich Filme auf Netflix oder anderen Streaming Portalen an. Die gab es zu meiner Zeit eben noch nicht.

Es ist im Wirtschaftsleben eben oft so. Das Konsumverhalten der Kunden ändert sich. Neue Technologien oder neue Produkte kommen auf den Markt und verdrängen langsam aber sicher auch etablierte Produkte.

Ein wesentlicher Grund für das Scheitern vieler Unternehmen, abgesehen von fehlenden unternehmerischen und wirtschaftlichen Kenntnissen, ist dass Unternehmer gar nicht oder viel zu spät auf das sich verändernde Konsumverhalten der Kunden reagieren. Und dass sie nicht bereit sind, ihr Unternehmen daran anzupassen.

Kundenbedürfnisse

Letzten Endes haben deine Kunden Bedürfnisse, die du mit deinen Produkten befriedigst. Die Bedürfnisse ändern sich nicht. Aber die Art und Weise, wie Bedürfnisse befriedigt werden, schon. Wer ins Kino geht, sucht Unterhaltung. Diese kann der Kunde heute auf vielfältige Art bekommen. Die Frage ist daher, wie kannst du deinem Kunden Unterhaltung bieten?

Für mich steht das Kino in Ehrenhausen für die Herausforderungen, mit denen Unternehmer konfrontiert werden. Es verdeutlicht die Bedeutung von Anpassungsfähigkeit, Innovation und dem Erkennen von Kundenbedürfnissen.

Denn letztendlich sind es genau diese Eigenschaften, die den Unterschied zwischen einem vergessenen Kino und einem blühenden Unternehmen ausmachen.

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